Jesus Weinte | World Challenge

Jesus Weinte

David WilkersonAugust 22, 2016

„Es war aber einer krank, Lazarus, von Betanien“ (Johannes 11,1). Die meisten Christen kennen die Geschichte von Lazarus. Er lebte mit seinen zwei Schwestern, Maria und Marta, in der Stadt Betanien. Ihr Haus war ein geschätzter Ruheort für Jesus. Christus wusste, dass diese innig verbundene Familie ihn liebte, und er liebte sie ebenfalls sehr. Er machte ihr Haus sogar zu seinem geistlichen Rückzugsort. Es war für ihn eine Oase der Stille, fern der drängenden Menge.

Als Lazarus‘ Erkrankung lebensbedrohlich wurde, ließen Maria und Marta Jesus die Nachricht überbringen: „Herr, siehe, der, den du liebhast, ist krank“ (11,3). Sie wussten, dass Jesus ihnen in ihrer Not helfen konnte. Doch Christus ließ ihnen ausrichten, „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“ (11,4). Maria und Marta waren sicher irritiert über diese Antwort. Vielleicht dachten sie, dass Lazarus geheilt werden würde.

Doch Jesus suchte nach einer anderen Reaktion der beiden. Er wollte den Glauben seiner geliebten Freunde wachsen sehen. Sie sollten erkennen, dass er mehr war als nur ihr Freund, ein Lehrer, Heiler und Wundertäter. Er wollte ihnen mitteilen: „Maria, Marta, ihr sollt nicht besorgt oder bekümmert sein. Ich werde zu meiner Zeit und auf meine Weise eingreifen. Und ich möchte, dass gerade ihr mir vertraut. Ihr liegt mir sehr am Herzen und ich möchte, dass euer Vertrauen auf mich nicht wankt. Ihr werdet doch sicher glauben, dass mein Vater durch diese Krise verherrlicht wird.“

Jesus schickte dieser Familie eine Nachricht von unfassbarer Hoffnung. Er gab ihnen zu verstehen: „Ja, das ist die schmerzlichste, härteste Erfahrung, die ihr je duchgemacht habt. Doch Gott hat eine Absicht damit. Er hat euch und eure Familie dazu erwählt, eine schwere Zeit der Prüfung durchzustehen. Euer Haus wird der Ort eines Kampfes zwischen Glaube und Unglaube werden. Und Gott wird in alledem geehrt werden. Macht euch keine Sorgen; der Vater hat alles in der Hand.“

Was ist das zentrale Thema in diesem Abschnitt? Einfach dies: Jesus möchte, dass die Menschen, die ihn innig lieben, darauf vertrauen, dass er tun wird, was das Beste für sie ist. Denn wenn wir ihm nicht vertrauen – wenn er bei seinen engsten Freunden nicht auf Glauben und Zuversicht stößt – wo sonst soll er dann auf der Erde Glauben finden?

Jesus ging absichtlich nicht sofort nach Betanien

Nachdem Jesus die Nachricht der Schwestern erhalten hatte, blieb er noch zwei Tage in der Stadt, in der er sich gerade aufhielt (siehe Johannes 11,6). Ich stelle mir vor, wie Maria und Marta allmählich verzweifelten und sich fragten: „Wo bleibt Jesus nur? Warum ist er uns noch nicht zu Hilfe gekommen? Er weiß doch, wie ernst die Lage ist. Und er ist nur eine Tagesreise entfernt. Wenn er uns liebt, warum zögert er, zu kommen?“

Warum ließ der Herr sich so viel Zeit? Warum machte er sich nicht aus Liebe sofort auf den Weg? Ich glaube, wenn wir dies begreifen können, werden wir verstehen, warum Gott uns oft nicht zu Hilfe zu kommen scheint, wenn wir es von ihm erwarten. In welcher Krise stecken Sie? Sind es finanzielle Dinge, familiäre Probleme, körperliche Beschwerden, innere Kämpfe? Wie trostlos ist die Situation geworden? Sie haben eifrig gebetet, aber der Himmel scheint wie Blei. Sie fragen sich: „Wo ist Gott? Warum ist er nicht zu mir gekommen?“

Ich kann nicht für die Situation jedes Einzelnen aus der Sicht des Herrn antworten, aber über die Krise von Maria und Marta kann ich eines sagen: Die Not war noch nicht kritisch oder hoffnungslos genug, um die konkrete Absicht zu erfüllen, die Gott hatte. In manchen Situationen ist ein Wunder nötig. Natürlich wirkt der Herr nicht immer so. Doch bei seinem inneren Kreis der Freunde handelt er oft auf eine andere Weise, die drastischer erscheint als üblich. Er wartet, bis sie überzeugt sind: „Jetzt ist es zu spät. Die Lage ist hoffnungslos verloren.“

In der Situation der Schwestern wartete Gott, bis Lazarus gestorben war. Nichts konnte hoffnungsloser sein. Die ganze Zeit über hätte Jesus seinen Freund durch ein einziges Wort aus der Ferne heilen können. Das hatte er zuvor schon getan. Warum also wurde diese Familie über die Maßen geprüft? Vielleicht fragen Sie sich in Ihrer eigenen Situation: „Warum kommt Gott anderen zu Hilfe, mir aber nicht?“

Nachdem Jesus zwei Tage gewartet hatte, wusste er durch den Heiligen Geist, dass Lazarus gestorben war. „Dann nun sagte ihnen Jesus gerade heraus: Lazarus ist gestorben.“ Und zu seinen Jüngern sagte Christus: „Ich bin froh um euretwillen, dass ich nicht dort war, damit ihr glaubt; aber lasst uns zu ihm gehen“ (Johannes 11,14-15). Christus ließ den Kreis seiner engsten Freunde wissen: „Gott hat diese ausweglose Situation aus einem bestimmten Grund herbeigeführt. Sie soll euch eine ganz besondere Gelegenheit bieten, ihm zu glauben, dass er das Unmögliche tun kann. Er hat alles so gelenkt, damit meine innigsten Freunde der Welt zeigen können, dass ich die Macht habe, zu tun, was kein Mensch tun kann. Es muss ausschließlich durch Glauben geschehen.“

Ich glaube, dass Jesus noch einen anderen Grund für die Verzögerung hatte.

Jesus wollte einen mangelhaften Glauben bei seinen engen Nachfolgern ans Licht bringen. Als er endlich in Betanien eintraf, erklärten sowohl Maria als auch Marta unverblümt: „Wenn du rechtzeitig gekommen wärest, dann wäre das nicht passiert“ (siehe Johannes 11,21.32). Sie hätten genauso gut sagen können: „Herr, warum hast du so lange gewartet? Warum hast du es so weit kommen lassen? Jetzt ist es zu spät. Uns bleibt nichts als die Trauer.“

Jesus antwortete: „Dein Bruder wird auferstehen“ (Johannes 11,23). Marta erwiderte: „Oh ja, eines Tages. Bei der Auferstehung werden wir ihn wiedersehen.“ Doch Jesus sagte zu ihr: „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du das?“ (11,25-26). Marta antwortete: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“ (11,27). Dann „ging sie“ (11,28).

Können Sie sich vorstellen, was hier vor sich geht? Auf der einen Seite sagte Marta: „Ja, Jesus, ich glaube, dass du der Mensch gewordene Gott bist und alles tun kannst.“ Sie wusste, dass sie Gott ins Gesicht schaute und ein Gespräch mit ihm führte. Doch trotzdem „ging sie“ einfach ihrer Wege, als gäbe es keinen Gott. Sie fühlte Schmerz und Kummer und vergoss viele Tränen über den Tod ihres Bruders. Aber sie glaubte nicht, dass das Jesus irgendwie interessierte. Es war, als wäre Gott zwar anwesend, aber unfähig, ihr zu helfen.

Geliebte, das ist ein mangelhafter Glaube. Hier offenbart sich ein Glaube an Gott als Schöpfer, der allmächtig und allwissend ist, sich aber nicht persönlich für uns interessiert. Es ist eine verzweifelte Entschlossenheit, ihn in unseren gegenwärtigen Nöten nicht Gott sein zu lassen. Leider begegnen heute viele Christen dem Herrn mit einem solchen mangelhaften Glauben. Sie kommen in sein Haus, um ihn zu preisen, sie erheben ihn als den Mensch gewordenen Gott und bezeugen, dass nichts für ihn unmöglich ist. Doch sie vertrauen nicht, dass er in ihren Nöten für sie da sein wird, dass er Anteil nehmen will. Das ist der mangelhafte Glaube, den Jesus bei diesen lieben Schwestern korrigieren wollte.

Als nächstes sehen wir Maria weinend zu den Füßen Jesu. Sie hatte jede Hoffnung verloren. Die Bibel berichtet über Jesus: „[Er] ergrimmte … im Geist und wurde erschüttert“ (Johannes 11,33). Das griechische Wort für „ergrimmte“ drückt Entrüstung aus. Dann sagte er mit erschüttertem Seufzen zu der Menge: „Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sagen zu ihm: Herr, komm und sieh!“ (11,34). In diesem Moment „weinte“ Jesus (11,35).

Warum genau weinte Jesus? Die Nahestehenden riefen aus: „Siehe, wie lieb hat er ihn gehabt“ (Johannes 11,36). Sie erklärten damit: „Schaut nur, wie sehr er seinen lieben Freund vermisst. Er weint, weil er ihn nie wiedersehen wird.“ Doch das war es nicht, was Jesus zu Tränen rührte. Er weinte über den nackten Unglauben seiner engsten Freunde. Seine Tränen waren eine Mischung aus Traurigkeit und Entrüstung über die Blindheit der Menschen, die ihn am meisten liebten. Sie verhielten sich wie Agnostiker, die zwar an Gott glauben, aber nicht davon ausgehen, dass er an ihrem persönlichen Leben Anteil nimmt. „Jesus nun, wieder in seinem Innern erzürnt, kommt zur Gruft“ (11,38). Der Unglaube im engsten Kreis geliebter Menschen verletzte ihn und er vergoss Tränen über sie.

In diesem Moment befahl Jesus: „Nehmt den Stein weg!“ (11,39). Hier gab der Herr klare Anweisungen. Er wollte, dass die Menschen etwas taten, bevor ein Wunder geschehen würde. So macht es Jesus auch bei uns: Er möchte, dass wir den schweren Stein unserer Verzweiflung, unserer Angst und unseres Unglaubens wegrollen. Warum fordert er uns dazu auf? Wenn wir vor einer Krise stehen, reagieren wir immer auf eine von zwei Arten: Entweder wir ermatten voller Unglauben und hören auf, Jesus zu suchen oder wir halten uns näher zu ihm und lassen ihm keine Ruhe, bis er uns ein richtungweisendes Wort gibt. Das Wort, das wir dann meist hören, lautet: „Roll den Stein weg. Lege deine Sorgen, Verwirrung und Angst nieder.“

Vielleicht akzeptieren Sie nicht, dass Jesus einen inneren Kreis von Freunden hat. Es ist wahr, dass unser Herr die Person nicht ansieht und alle Menschen liebt. Doch obwohl er seine zwölf Jünger gleichermaßen als Freunde liebte, hatte er einen inneren Kreis, zu dem Petrus, Jakobus und Johannes gehörten. Diese drei waren mit ihm auf dem Berg der Verklärung. Und als er hinging, die Tochter des Synagogenvorstehers zu heilen, „erlaubte er niemand hineinzugehen außer Petrus und Johannes und Jakobus“ (Lukas 8,51). Und wen wollte Jesus in seiner dunkelsten Stunde in Getsemane an seiner Seite haben? Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit, um mit ihm zu wachen und zu bete.

Dasselbe Muster finden wir im Alten Testament. Abraham wurde Freund Gottes genannt. Und der Herr sprach mit Mose, „wie ein Mann mit seinem Freund redet“ (2. Mose 33,11). Gottes Verheißungen sind allen nahe und lieb, die glauben, doch die Bibel zeigt klar, dass etwas Besonderes bei denen geschieht, die sich dem Herrn nahen und ihn von ganzem Herzen suchen. Sie werden Freunde Gottes – und Jesus ruft sie, ganz nah bei ihm zu bleiben.

Ich sehe, wie der Herr in diesen letzten Tagen Vorkehrungen trifft, um seinen engen Freunden eine weitere lazarusähnliche Gelegenheit zu gebe.

Die kommende Stunde verlangt einen ungetrübten Glauben. Ich glaube, wir werden sehen, wie Christus seinen Kreis enger Freunde herausrufen wird. Mit seinen Worten an Marta fordert er auch uns heraus: „Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubtest, so würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ (Johannes 11,40). Die Bibel sagt uns in der Tat, dass er in einer bestimmten Stadt „nicht viele Wunderwerke [tat] wegen ihres Unglaubens“ (Matthäus 13,58). Und Jakobus schreibt über den, der im Glauben wankt: „Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde“ (Jakobus 1,7).

Doch natürlich erweckte Jesus Lazarus aus dem Grab: „Er [rief] mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern umwickelt … Jesus spricht zu ihnen: Macht ihn frei und lasst ihn gehen!“ (Johannes 11,43-44). Was für ein unfassbares Wunder. Doch warum erweckte Jesus Lazarus aus dem Tod auf, obwohl keiner der Anwesenden Glauben zeigte?

Erstens tat Jesus es, um den Vater zu verherrlichen. Und zweitens tat er es, um sich als der Mensch gewordene Gott zu erweisen. Deshalb hatte er einige Tage zuvor erklärt: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, damit der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“ (11,4). Christus wusste, dass Gott durch dieses große Wunder verherrlicht werden würde.

Doch ich sehe noch einen anderen sehr wichtigen Grund, warum Jesus Lazarus auferweckte. Es war ein Geheimnis, das nur Maria und Jesus kannten. Es hatte mit einem Gefäß zu tun, das sie in ihrer Schlafkammer aufbewahrte. Es war ein versiegeltes Gefäß mit einem kostbaren Salböl, das Narde genannt wurde. Es war der kostbarste und wertvollste Besitz, den Maria hatte und den sie für einen besonderen Tag aufbewahrte.

Dieses Salböl wurde bei Einbalsamierungen von Verstorbenen verwendet. Doch Maria hatte ihre kostbare Narde offensichtlich nicht einmal für die Einbalsamierung ihres geliebten Bruders gegeben. (Sonst hätte das Salböl verhindert, dass Lazarus‘ Körper nach Verwesung roch.) Maria hatte das Gefäß behalten und sich gesagt: „Das ist für Jesus, den Sohn Gottes.“

Im nächsten Kapitel lesen wir: „Da nahm Maria ein Pfund Salböl von echter, sehr kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren. Das Haus aber wurde von dem Geruch des Salböls erfüllt“ (Johannes 12,3). Dieser Duft erfüllte nicht nur den Raum, sondern stieg bis zum Himmel hinauf. Gott sah ihn als geheiligt an, weil dieser Duft ein Weihrauch des Glaubens war.

Marias Geste war ein Akt reinen Glaubens. Diese Tat sagte der ganzen Welt: „Mein Heiland wird am Kreuz sterben. Aber ich glaube, dass er Herr über Leben und Tod ist. Vielleicht habe ich manchmal an ihm gezweifelt, aber jetzt habe ich keine Fragen mehr.“ Jesus weiß alle Dinge, und er wusste schon längst von diesem wertvollen Gefäß, das Maria heimlich aufbewahrte. Als sie nun das kostbare Salböl über seine Füße goss, sagte er allen, die dabei waren: „Sie hat es aufbewahrt für den Tag meines Begräbnisses“ (12,7). Er wusste auch, dass Maria zwar schwer geprüft wurde, dass ihr Glaube aber durchbrechen und den Himmel berühren würde.

Haben Sie in Ihrer Krise einen Punkt hoffnungsloser Verzweiflung erreicht? Ich frage Sie: Was ist Ihr kostbarster Besitz, das Wertvollste, das Sie dem Herrn zu geben haben? Es ist Ihr Glaube, der „viel kostbarer ist als Gold“ (1. Petrus 1,7; Gute Nachricht). Ihr kostbares Geschenk des Glaubens ist dazu bestimmt, zu Jesu Füßen ausgegossen zu werden.

Gerade jetzt ermuntert er Sie, den Stein des Unglaubens wegzurollen. Dann sollen Sie im Glauben warten und sehen, wie er in Ihrer Prüfung Wunder wirkt. Ich bitte Sie inständig: Lassen Sie den Weihrauch Ihres Glaubens zum Himmel aufsteigen und den Vater segnen. Er hat Vorkehrungen dafür getroffen, dass sein Sohn in Ihrer Anfechtung verherrlicht wird!

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